Ratgeber
Ponyreiten fördert die Entwicklung

Kind beim therapeutischen Reiten mit Ball.
Für eilige Eltern (TL;DR)
- Ponyzeit fördert Motorik, Konzentration und soziale Sicherheit im Alltag.
- Kinder lernen Verantwortung, weil sie Pflege und Umgang direkt erleben.
- Der Lernfortschritt kommt durch Wiederholung und klare, kleine Aufgaben.
- Nicht Leistung steht im Mittelpunkt, sondern stabile Entwicklung im eigenen Tempo.
“Aber das ist doch nur ein teures Hobby, oder?” Diesen Satz höre ich manchmal von Vätern, die skeptisch am Zaun stehen, während ihre Tochter gerade versucht, den Huf eines Ponys auszukratzen. Sie sehen Dreck, sie sehen Kosten, und sie sehen ein Kind, das langsam im Kreis geführt wird. Ein paar Monate später stehen dieselben Väter oft da und staunen. Sie erzählen mir beim Abholen: “Sie ist zu Hause viel ausgeglichener.” Oder: “In der Schule traut sie sich plötzlich, sich zu melden.”
"Das Pferd ist der einzige Sportpartner, der einen eigenen Willen hat. Ein Fußball rollt dahin, wo du ihn trittst. Ein Pferd fragt: 'Warum soll ich da hinlaufen?' Genau diese Auseinandersetzung lässt Kinder reifen."
- Sarah
Säule 1: Der Körper (Motorik und Balance)
Viele denken, beim Reiten muss man “nur oben sitzen”. Wer das glaubt, saß noch nie auf einem Pferd. Ein Pferd bewegt sich im Schritt etwa 100 Mal pro Minute dreidimensional:
- Vor und zurück.
- Auf und ab.
- Links und rechts rotierend.
Das Kind muss diese 100 Impulse pro Minute ausgleichen. Sein Becken muss mitschwingen, seine Rückenmuskulatur muss sich anspannen und entspannen – und zwar im Millisekundentakt, ohne dass das Kind darüber nachdenkt.
Fallbeispiel Leon (Name geändert): Leon war 6 Jahre alt und motorisch etwas “tapsig”. Er stolperte oft über seine eigenen Füße, konnte nicht gut auf einem Bein stehen. In der Schule fiel ihm das Stillsitzen schwer, weil ihm die Körperspannung fehlte (hypotoner Muskeltonus). Auf dem Pferd passierte etwas Spannendes: Um nicht runterzurutschen, musste sich sein Körper aufrichten. Das Pferd gab ihm den Takt vor. Nach einem halben Jahr Reiten (einmal die Woche) berichtete seine Mutter: “Er läuft viel sicherer. Er klettert plötzlich auf Gerüste, die er früher gemieden hat.” Das Reiten hatte seine Tiefenmuskulatur gestärkt, an die man mit normaler Gymnastik kaum herankommt.
Säule 2: Die Seele (Sozialkompetenz und Empathie)
Ein Pony ist ein Spiegel. Es lügt nicht. Wenn ein Kind aggressiv oder hektisch auf das Pony zugeht, weicht das Pony zurück oder legt die Ohren an. Wenn ein Kind ängstlich ist, wird das Pony oft zögerlich. Das Kind lernt sofort: Mein Verhalten hat eine Wirkung.
Das ist “Empathie-Training” pur. Das Kind muss lernen, die Bedürfnisse eines anderen Lebewesens zu lesen.
- “Oh, Pucki guckt traurig. Vielleicht habe ich zu fest gezogen?”
- “Simon atmet tief aus. Er entspannt sich, weil ich ihn kraule.”
Fallbeispiel Mia: Mia (8) war in der Schule das “Mäuschen”. Leise, wurde oft übersehen, konnte nicht Nein sagen. Im Reitunterricht bekam sie ein großes Pony, unseren Tinker. Ich sagte ihr: “Du musst ihm sagen, wo es langgeht. Wenn du nichts sagst, frisst er Gras.” Am Anfang fraß der Tinker viel Gras. Mia flüsterte nur: “Bitte geh weiter.” Wir übten. Körpersprache. Groß machen. Eine klare Stimme benutzen. “Weiter!” Als der 500-Kilo-Koloss sich tatsächlich in Bewegung setzte, nur weil die kleine Mia es wollte, leuchteten ihre Augen. Sie lernte: “Ich bin wirksam. Wenn ich klar bin, hört man mir zu.” Diesen Transfer hat sie in die Schule mitgenommen. Sie ist immer noch kein Lautsprecher, aber sie lässt sich nicht mehr alles gefallen.
Säule 3: Der Kopf (Konzentration und Fokus)
In einer Welt voller TikTok, YouTube und Reizüberflutung ist der Stall eine Oase der Konzentration. Beim Reiten kann man nicht “nebenbei” etwas anderes machen. Man muss:
- Planen: “Ich will gleich abbiegen.”
- Koordinieren: “Linkes Bein drückt, rechte Hand gibt nach, Blick geht nach vorne.”
- Fühlen: “Was macht das Pferd gerade?”
Das ist Multitasking auf höchstem Niveau. Besonders für Kinder mit ADHS oder Konzentrationsstörungen ist Reiten oft ein Segen. Warum? Weil das Feedback sofort kommt. Wenn ich im Matheunterricht träume, merkt der Lehrer das vielleicht erst in 5 Minuten. Wenn ich auf dem Pferd träume, läuft das Pferd in die falsche Richtung oder bleibt stehen. Sofort. Das Kind muss im Hier und Jetzt bleiben. Diese Fähigkeit, den Fokus zu halten, trainiert das Gehirn wie einen Muskel.
Fallbeispiel Ben: Ben (9, ADHS-Diagnose) war ein Wirbelwind. Er konnte keine zwei Minuten stillsitzen. Seine Mutter hatte Angst, dass er das Pferd nervös macht. Aber auf dem Pferderücken passierte das Gegenteil. Durch die rythmische Bewegung des Pferdes (Schaukeln) beruhigte sich sein Nervensystem. Er konnte plötzlich 20 Minuten lang konzentriert Hufschlagfiguren reiten. Seine Mutter weinte fast, als sie sah, wie “bei sich” ihr Sohn plötzlich war. Die Pferdebewegung stimuliert das Vestibularsystem (Gleichgewichtsorgan) auf eine Weise, die beruhigend wirkt.
Elternfragen: Was bringt es wirklich?
“Ist Reiten besser als Fußball oder Turnen?” Es ist anders. Fußball ist toll für Teamgeist. Turnen ist toll für Körperbeherrschung. Aber Reiten hat die Komponente “Partner”. Du spielst nicht mit einem Ball, sondern mit einem Wesen, das Angst, Hunger und Launen hat. Das lehrt Verantwortungsgefühl wie kein anderer Sport. Man kann das Pferd nach dem Sport nicht einfach in die Ecke stellen wie einen Tennisschläger. Man muss es versorgen. Erst das Tier, dann das Kind. Das ist eine Lektion fürs Leben.
“Hilft es bei schlechten Noten?” Indirekt ja. Studien zeigen, dass Bewegung (besonders koordinativ anspruchsvolle) die Vernetzung im Gehirn fördert. Ein Kind, das lernt, sich durchzusetzen und zu fokussieren, profitiert davon auch bei den Hausaufgaben. Aber: Reiten ist kein Nachhilfeunterricht. Es ist der Ausgleich, der den Kopf wieder frei macht für das Lernen.
“Mein Kind hat Angst. Ist Förderung dann überhaupt möglich?” Gerade dann! Angst zu überwinden ist der größte Entwicklungsschritt überhaupt. (Siehe dazu unseren Artikel “Angst vor Pferden”). Ein Kind, das sich seiner Angst stellt und sie bewältigt (“Ich habe mich getraut!”), baut ein Fundament an Selbstvertrauen (Resilienz), das ein Leben lang hält.
Fazit: Mehr als nur “Hoppe Reiter”
Wenn Sie Ihr Kind also das nächste Mal zum Stall fahren und sich über den Matsch an den Schuhen ärgern: Denken Sie daran, was da gerade passiert. Ihr Kind lernt Führung. Es lernt Verantwortung. Es trainiert Muskeln, von denen es nicht wusste, dass es sie hat. Und es findet einen Freund, der nicht urteilt.
Das ist kein teures Hobby. Das ist eine Investition in die Persönlichkeit. Und ja, es macht auch einfach verdammt viel Spaß.


