Gesundheit
Entschleunigung am Ponyhof
Einfach mal durchatmen. Warum Zeit mit Pferden uns so gut tut und wie wir am Ponyhof den Alltag vergessen.

Ein entspanntes Pony ruht im gemütlichen, sonnendurchfluteten Stall.
Für eilige Eltern (TL;DR)
- Bei Entschleunigung am Ponyhof helfen einfache Prinzipien mehr als komplizierte Sonderwege.
- Fortschritt zeigt sich oft in kleinen Schritten, die im Alltag später deutlich spürbar werden.
- Entscheidend sind Beziehung, Verlässlichkeit und ein Setting ohne Druck.
- Der Umgang mit dem Pony verbindet Körper, Emotion und Aufmerksamkeit auf eine sehr direkte Art.
Letzte Woche stand eine Mutter bei mir am Zaun. Es war Dienstagabend, die Sonne stand tief, und das Licht war goldgelb, wie es oft im Spätsommer ist. Sie hatte ihr Kind gerade zur Reitstunde gebracht, aber statt wie sonst schnell noch einkaufen zu fahren oder Mails im Auto zu checken, blieb sie einfach stehen. Fünf Minuten. Zehn Minuten. Sie hielt sich am Holzzaun fest, schloss die Augen und atmete tief ein. Als sie sie wieder öffnete, sah sie mich an und sagte leise: “Das habe ich gebraucht. Hier ist die Welt noch in Ordnung.”
Ich hab erst nicht verstanden, was sie meinte. Für mich ist das hier Alltag. Der Geruch nach trockenem Heu, das rhythmische Kauen der Ponys, das Schnauben, der Staub, der in der Luft tanzt. Aber dann erzählte sie mir von ihrem Tag: Stau auf der B295, Ärger im Büro, ein krankes Kind zu Hause, das Telefon, das nicht aufhört zu klingeln. Sie fühlte sich wie in einem Hamsterrad, das sich immer schneller dreht. Und hier am Hof? Hier stand die Zeit still. Oder besser gesagt: Sie lief in einem anderen Takt. Im Takt der Hufe.
Warum Pferde uns “runterfahren” (Die Wissenschaft dahinter)
Ich bin keine Biologin, aber ich beobachte das Phänomen seit Jahren. Menschen kommen gestresst an – Schultern hochgezogen, Atem flach, der Blick hektisch. Und nach einer halben Stunde bei den Pferden verändert sich die Körperhaltung. Die Schultern sinken, der Atem wird tiefer.
Eine befreundete Psychologin hat mir mal erklärt, was da passiert. Es nennt sich Co-Regulation. Pferde sind Fluchttiere. Ihr Überleben hing Jahrtausende lang davon ab, ihre Umgebung genau zu scannen. Sie spüren den Herzschlag eines anderen Lebewesens auf Meter Entfernung. Wenn ein Mensch mit hohem Blutdruck und “Alarmstufe Rot” im Nervensystem zu einem Pferd kommt, reagiert das Pferd oft mit Unruhe oder Abwenden. Aber Pferde haben auch eine Superkraft: Wenn sie sich sicher fühlen, strahlen sie eine enorme Ruhe aus. Ihre Herzfrequenz ist viel langsamer als unsere (ca. 30-40 Schläge pro Minute). Wenn wir uns auf das Pferd einlassen, synchronisiert sich unser Herzschlag mit ihrem. Unser Nervensystem “dockt” quasi an das ruhige System des Pferdes an. Der Cortisolspiegel (Stresshormon) sinkt, Oxytocin (Bindungshormon) wird ausgeschüttet.
Wir müssen dafür gar nichts tun. Wir müssen nur da sein und zulassen, dass das Pferd uns “erdet”.
Eine Sinnesreise: Warum der Stall so gut riecht

Unser Alltag findet oft nur noch auf Bildschirmen statt. Wir sehen und hören, aber wir riechen und fühlen kaum noch etwas Echtes. Der Ponyhof ist eine Explosion für die Sinne – aber eine angenehme.
- Der Geruch: Es ist diese Mischung. Süßliches Heu. Ein bisschen herber Ledergeruch vom Sattelzeug. Die Erde. Und ja, auch der Pferdemist (der für Pferdeleute gar nicht stinkt, sondern nach “Natur” riecht). Diese Gerüche sind “ehrlich”. Sie erinnern unser Gehirn an etwas Ursprüngliches.
- Das Geräusch: Haben Sie mal einem Pferd beim Fressen zugehört? Rupf, kauen, kauen, kauen. Rupf, kauen, kauen. Es ist ein monotones, rhythmisches Geräusch. Wie Meeresrauschen oder Regen. Es beruhigt ungemein. Dazu das Abschnauben – dieses tiefe Ausatmen durch die lockeren Nüstern, wenn Anspannung abfällt.
- Das Fühlen: Das warme, weiche Fell an den Nüstern. Die harte, struppige Mähne. Die feste Muskulatur am Hals. Man kann ein Pferd nicht “digital” streicheln. Man muss es anfassen. Und in dem Moment, wo die Hand das Fell berührt, ist man im Hier und Jetzt. Man kann nicht gleichzeitig das Pferd fühlen und an die Steuererklärung denken. Das Gehirn schaltet um auf “Fühlen”.

Das Phänomen “Digital Detox” ohne Zwang
Wir haben am Hof keine Verbotsschilder für Handys. “Handyverbot” klingt nach Schule und Zwang. Aber wissen Sie was? Es guckt trotzdem kaum jemand drauf.
Warum? Weil es unpraktisch ist. Wer ein Pferd putzt, hat staubige Hände. Wer ein Pferd führt, braucht beide Hände und volle Aufmerksamkeit (sonst steht man schnell auf dem Fuß). Aber es ist mehr als das. Die Kinder – und auch die Erwachsenen – vergessen das Handy einfach. Die Realität hier ist spannender als jeder Instagram-Feed. Letztens hat ein Vater zu mir gesagt: “Das ist der einzige Ort, wo mein 14-jähriger Sohn sein Smartphone zwei Stunden lang nicht vermisst.” Er war völlig fasziniert davon, wie sein Sohn konzentriert die Hufe auskratzte, völlig versunken in diese simple, handfeste Tätigkeit.
Einfach sein dürfen: Pferde werten nicht
Das ist vielleicht der wichtigste therapeutische Aspekt, auch wenn wir hier keine Therapie im klinischen Sinne machen. In der Schule werden Kinder bewertet. Noten, Verhalten, Leistung. Im Büro werden Erwachsene bewertet. Umsatz, Deadlines, Performance. Dem Pony ist das alles egal. Unserem Shetlandpony Napoleon ist es völlig egal, ob du Markenklamotten trägst oder eine alte Jogginghose. Es ist ihm egal, ob du stotterst, ob du Chefarzt bist oder arbeitslos. Es ist ihm egal, ob du gestern einen schlechten Tag hattest.
Das Pony stellt nur eine Frage: “Bist du jetzt gerade fair und klar zu mir?” Wenn ja, bist du sein Freund. Diese bedingungslose Akzeptanz ist heilsam. Viele Menschen weinen beim ersten Kontakt mit Pferden, einfach weil sie spüren: “Ich muss hier nichts leisten. Ich muss nichts darstellen. Ich darf einfach sein.” Dieser Druckabfall ist körperlich spürbar.
Tätigkeiten, die den Kopf frei machen
Entschleunigung heißt nicht immer “nichts tun”. Oft ist es “etwas anderes tun”. Viele stressgeplagte Manager kommen zu uns und wollen gar nicht reiten. Sie wollen misten. Ja, richtig gehört. Sie wollen mit der Gabel Pferdeäpfel in eine Schubkarre schaufeln. Warum? Weil es eine einfache, sichtbare Arbeit ist. Im Büro schiebt man Papiere von links nach rechts, und am Abend ist der Stapel immer noch hoch. Im Stall mistest du die Box aus. Vorher war sie dreckig, jetzt ist sie sauber. Du siehst sofort das Ergebnis deiner Arbeit. Du hast dich bewegt. Du hast geschwitzt. Dein Kopf ist leer. Das ist “Meditation in Gummistiefeln”.
Ein paar Fragen, die mir oft gestellt werden
Hilft das wirklich gegen Burnout? Ich bin keine Ärztin. Bei schwerem Burnout oder Depression braucht man professionelle Hilfe. Aber als Begleitung? Absolut. Die Struktur, die Natur, die Tiere – das sind alles Ressourcen, die Kraft geben.
Muss man reiten können, um zu entspannen? Überhaupt nicht. Im Gegenteil. Reiten lernen kann am Anfang auch Stress sein (Koordination, Balance). Die wirkliche Entspannung passiert oft am Boden. Beim Putzen. Beim Spazierengehen. Oder einfach beim Beobachten der Herde auf der Weide (“Pferde-Kino”).
Wie lange sollte man einplanen? Mindestens eine Stunde, besser zwei. Wer nur für 30 Minuten “schnell entspannen” will, bringt die Hektik mit. Entschleunigung braucht Anlaufzeit. Man muss erst “ankommen”, die Stallluft atmen, die Stiefel anziehen. Gebt euch die Zeit.
Kann ich auch als Erwachsener einfach so kommen? Wir bieten spezielle Kurse und Zeiten für Erwachsene an. Denn wir merken: Die Kinder haben Spaß, aber die Eltern brauchen die Pause oft noch dringender. Sprecht uns an.
“Die Zeit, die man mit Pferden verbringt, ist nie verlorene Zeit.” - Winston Churchill
Vielleicht hatte Churchill recht. Falls ihr also merkt, dass das Hamsterrad sich zu schnell dreht: Kommt vorbei. Lehnt euch an den Zaun. Atmet ein. Und lasst die Welt für einen Moment draußen. Wir und die Ponys sind da.


