Pädagogik
Reitangst überwinden
Von der Angst zur Zuversicht: Bewährte Strategien aus der Praxis.

Kind hält vertrauensvoll die Hand eines Erwachsenen und berührt das Maul eines freundlichen Ponys
Letzte Woche hatte ich einen kleinen Jungen hier. Nennen wir ihn Tim. Der hat sich hinter seiner Mama versteckt und nur ganz vorsichtig um die Ecke zu Coco rübergeschielt. Die Mama war total verzweifelt: „Er wollte doch unbedingt zu den Ponys! Und jetzt das!"
Tja. Willkommen im Club der Reitangst. Passiert öfter als man denkt.
Kurz & knapp: Wie baut man Reitangst ab?
Geduld und positive Erlebnisse. Das wars im Kern. Nicht drängeln, nicht auslachen, kleine Schritte machen. Bei Tim hat es drei Besuche gedauert bis er Coco gestreichelt hat. Beim vierten Mal sass er drauf. Heute kann man ihn nicht mehr runterkriegen.
Woher kommt die Reitangst eigentlich?
In meiner Erfahrung ist es meistens eine Mischung aus mehreren Sachen:
Das Unbekannte Ein grosses Tier, das man nicht kennt und nicht versteht. Was macht es als nächstes? Warum schnaubt es so? Beisst das? Napoleon ist da immer mein Eisbrecher. Der ist so klein und so gemütlich, da traut sich fast jeder ran.
Die Höhe Unterschätzt das nicht! Für ein kleines Kind ist es auf Sleepys Rücken plötzlich richtig hoch. Die Welt sieht ganz anders aus von da oben. Das kann Schwindel machen oder einfach ein komisches Gefühl.
Kontrollverlust Das Kind sitzt da oben und kann nicht bestimmen was das Pony macht. Fiona geht einfach mal los wenn sie Hunger hat. Egal was das Kind will. Das kann verunsichern.
Irgendjemand hat was Dummes gesagt Ich hatte mal ein Mädchen, deren Oma hatte gesagt: „Pass auf, Pferde treten aus und können einen töten!" Danke auch, Oma. Hat drei Monate gedauert, das wieder rauszukriegen.
Respekt wird mit Angst verwechselt Respekt vor Tieren ist gut und wichtig! Kylo zum Beispiel, der braucht seinen Raum. Wenn Kinder das kapieren und vorsichtig sind, super. Das ist kein Problem. Angst ist was anderes: Angst lähmt. Respekt macht aufmerksam.
Der Unterschied
Respekt: Kind nähert sich langsam und schaut was das Pony macht. Angst: Kind erstarrt, weint, will weg. Beides okay. Aber Angst braucht mehr Geduld.
Schritt 1: Ernst nehmen, nicht auslachen
Das ist SO wichtig. Ich hab Eltern erlebt die sagen: „Jetzt stell dich nicht so an!" oder „Alle anderen Kinder machen das doch auch!"
Bitte. Nicht. Machen.
Was stattdessen hilft:
- Gefühle anerkennen: „Ich sehe dass du Angst hast. Das ist okay."
- Nicht drängeln: Kein „jetzt probiers halt mal". Das Kind merkt wenn ihr ungeduldig seid.
- Gemeinsam erkunden: Kommt MIT eurem Kind. Nicht „geh du mal hin und fang an".
- Kleine Erfolge feiern: „Wow, du hast Coco auf der Nase gestreichelt! Das war mutig!"
Tim, der Junge von vorhin? Der hat beim ersten Mal nur daneben gestanden. Beim zweiten Mal hat er Penelope aus der Ferne beobachtet. Beim dritten Mal eine Karotte hingehalten, mit ausgestrecktem Arm und geschlossenen Augen, hihi. Beim vierten Mal sass er auf Napoleon. Jeder Schritt hat gezählt.
Schritt 2: Babysteps, ganz langsam vorgehen
Ziel ist nicht, dass das Kind morgen galoppiert. Ziel ist: Heute eine kleine positive Erfahrung mehr als gestern.
So könnte das aussehen:
- Besuch 1-2: Pony nur anschauen. Vielleicht von weitem. Ich erzähl dabei was über Balu, wie alt er ist, was er gerne frisst.
- Besuch 3-4: Pony auf der Nase streicheln. Oder am Hals. Ganz kurz.
- Besuch 5-6: Karotte oder Leckerli geben. Ruffy nimmt das immer so vorsichtig, der ist perfekt dafür.
- Besuch 7-8: Neben dem Pony gehen. Ich halt den Strick, das Kind läuft nebenher.
- Besuch 9-10: Kurz draufsitzen. Ich halte fest, keiner muss loslassen.
- Ab dann: Langsam reiten. Immer noch mit mir am Strick.
Manche Kinder brauchen dafür Tage, manche Wochen, manche Monate. Alles okay. Wir haben Zeit.
“Ich hab noch nie ein Kind gesehen das diesen Weg gegangen ist und am Ende nicht gestrahlt hat. Dieses „Ich habs geschafft!” im Gesicht, dafür mach ich den Job. Letzten Monat hatte ich ein Mädchen das ein halbes Jahr gebraucht hat. Ein HALBES JAHR. Und dann sass sie auf Attila und hat geweint vor Freude. Die Mutter auch. Ich auch, ehrlich gesagt."
Schritt 3: Das Pony als Freund kennenlernen
Oft hilft es, wenn das Kind das Pony nicht als abstrakte Gefahr sieht, sondern als Individuum mit eigenem Charakter.
Bei uns zum Beispiel:
- Napoleon: der kleinste, der verschlafenste, der gemütlichste. Hat noch nie jemanden erschreckt. Der ist quasi ein Stofftier das atmet.
- Coco: die neugierige. Die kommt immer an den Zaun und will wissen wer da ist.
- Sleepy: na ja, der Name sagts. Der schläft am liebsten.
- Penelope: die Kuschelige. Die legt ihren Kopf gerne auf Schultern ab.
Wenn ein Kind weiss: „Das ist Napoleon, der mag Karotten und schläft gerne in der Sonne", dann ist das kein unberechenbares Monster mehr. Dann ist das Napoleon. Den kennt man.
Schritt 4: Echte Sicherheit schaffen
Das Kind muss nicht nur das GEFÜHL haben sicher zu sein, sondern wirklich sicher sein.
Was bei uns selbstverständlich ist:
- Passender Helm: Muss sitzen, darf nicht wackeln. Haben wir in allen Grössen.
- Das richtige Pony für Ängstliche: Nicht Attila (der ist toll, aber temperamentvoll), sondern Napoleon oder Pucki.
- Immer Aufsicht: Ich bin da. Ich halte fest. Ich lass nicht los bis das Kind bereit ist.
- Sichere Umgebung: Eingezäunter Bereich, keine Hektik, keine anderen Tiere die reinrennen.
Simon ist übrigens mein Spezialist für ängstliche Kinder. Der spürt das irgendwie. Sobald ein Kind unsicher ist, wird der noch langsamer und vorsichtiger. Ponys sind da erstaunlich feinfühlig.
Was noch helfen kann
Aus meinem Alltag:
Rollenspiele zuhause Manche Eltern spielen mit ihren Kindern „Pony". Einer ist das Pony, einer der Reiter. Das hilft, die Bewegungen zu verstehen.
Bücher und Videos Es gibt tolle Kinderbücher über Ponys. Die nehmen manchmal die Angst weil das Kind sieht: Andere Kinder machen das auch.
Andere Kinder beobachten Manchmal hilft es wenn ein ängstliches Kind erstmal nur zuguckt wie andere Kinder reiten. „Oh, die macht das ja auch und nichts passiert!"
Pausen sind okay Wenn es zu viel wird, Stopp. Wir hören auf. Kein Druck. Beim nächsten Mal gehts weiter.
Nicht nur zum Reiten kommen Manche Kinder kommen erstmal nur zum Putzen. Oder zum Füttern. Oder zum Danebenstehen und Zuschauen. Das zählt auch!
Wann ist es mehr als normale Angst?
Manchmal ist es nicht „nur" Schüchternheit. Manche Kinder haben echte Phobien oder Traumata.
Warnsignale:
- Nach Wochen immer noch panische Reaktionen
- Negative Selbstaussagen: „Ich bin dumm weil ich mich nicht traue"
- Körperliche Symptome: Zittern, Übelkeit, Weinkrämpfe
In solchen Fällen würde ich empfehlen, mal mit einem Kinderpsychologen zu sprechen. Das ist keine Schande. Das zeigt dass ihr euer Kind ernst nehmt. Manchmal liegt da was Tieferes drunter das mit Ponys gar nichts zu tun hat.
Kontakt Dein Kind hat Reitangst?
Schreib mir oder ruf an. Wir schauen zusammen was euer Kind braucht. Napoleon, Pucki und ich, wir haben schon so viele ängstliche Kinder begleitet. Mit Geduld, Zeit und den richtigen Ponys klappt das meistens. Versprochen.


