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Pädagogik

Reiten fördert die Motorik

Warum Pferde Kindern helfen, ihren Körper besser kennenzulernen. wissenschaftlich erklärt.

Sarah Handte 7 Min. Lesezeit
Kind im Sattel, konzentriert auf Balance und Haltung während es die Zügel hält

Kind im Sattel, konzentriert auf Balance und Haltung während es die Zügel hält

Okay, jetzt wird’s kurz ein bisschen nerdig. Aber bleibt dran. Ich versprech euch, es lohnt sich.

Letzte Woche war eine Ergotherapeutin hier. Sie begleitet ein Kind, das motorisch grosse Schwierigkeiten hat. Nach der Stunde meinte sie: “Das, was Penelope in 30 Minuten geschafft hat, dafür bräuchte ich drei Therapiesitzungen.” Ich war erst verwirrt, dann stolz, dann neugierig.

Also hab ich mich reingelesen. Und jetzt versteh ich endlich, WARUM das alles funktioniert.

Kurz gesagt: Auf einem Pony zu sitzen ist wie Gehirnjogging, Physiotherapie und Koordinationstraining gleichzeitig. Nur dass es sich anfühlt wie Spielen.

Die Kurzversion

Reiten trainiert Gleichgewicht, Rumpfmuskulatur, Feinmotorik und Körperwahrnehmung. Alles auf einmal. Das Besondere: Das Gehirn lernt dabei mit, weil das Kind emotional beteiligt ist. Dröge Übungen am Boden? Vergessen nach einer Woche. Eine Stunde auf Coco? Bleibt hängen.

Das Gleichgewicht: Dein Kind auf einer 3D-Schaukel

Stellt euch vor, ihr steht auf einem Gymnastikball. Der bewegt sich. Ihr müsst die ganze Zeit kleine Ausgleichsbewegungen machen, um nicht runterzufallen.

Jetzt stellt euch vor, der Ball läuft durch die Halle.

Das ist ungefähr das, was passiert, wenn ein Kind auf Simon sitzt. Simons Rücken bewegt sich in alle Richtungen. Hoch, runter, links, rechts, vorwärts. Das Gehirn muss ständig nachjustieren.

Was das bringt:

Das Vestibularsystem, das ist so ein Ding im Innenohr, das für Gleichgewicht zuständig ist, wird trainiert wie verrückt. Und das Coole: Dieses System ist auch für Aufmerksamkeit und Konzentration wichtig. Deshalb werden viele Kinder nach dem Reiten ruhiger und fokussierter.

Ich hab mal einen Jungen gehabt, der konnte nicht geradeaus laufen ohne zu stolpern. Nach einem halben Jahr auf Lennox? Andere Körperhaltung, sicherer Gang. Seine Mutter dachte erst, sie bildet sich das ein. Tat sie nicht.

Rumpf ist Trumpf: Die versteckte Kraftarbeit

Okay, jetzt ein kleiner Test. Setzt euch auf einen Stuhl, hebt die Füsse vom Boden und versucht, aufrecht zu bleiben.

Schwer, oder?

Auf einem Pferd ist das ungefähr Dauerzustand. Nur dass man nicht drüber nachdenkt, weil man damit beschäftigt ist, Puckis Ohren anzugucken oder sich zu fragen, ob sie gleich schneller wird.

Was trainiert wird:

  • Bauchmuskulatur (ohne einen einzigen Sit-up)
  • Rücken (keine “Sitz gerade!”-Ermahnungen nötig)
  • Seitliche Muskeln (fürs Kurvenfahren)
  • Und ja, auch der Beckenboden (don’t ask)

Nach so zehn, fünfzehn Stunden sehe ich den Unterschied bei den Kindern. Sie sitzen anders am Tisch, stehen anders da. Aufrechter. Präsenter. Und ich hab nie gesagt: “Halt dich gerade!” Das Pony hat’s einfach trainiert.

“Neulich sagte eine Mutter zu mir: ‘Mein Sohn hört nicht auf zu erzählen, wie toll er Fiona lenken konnte. Seit drei Tagen.’ DAS ist der Punkt. Wenn Lernen so viel Freude macht, bleibt es hängen.”

Sarah Handte

Feinmotorik: Die subtile Kommunikation

Jetzt wird’s richtig spannend. Während der ganze Körper mit Balance und Kraft beschäftigt ist, passiert auf der Feinmotorik-Ebene auch was.

Die Zügel.

Das klingt banal, ist es aber nicht. Ein Kind muss lernen:

  • Wie viel Spannung ist richtig? (Zu viel bedeutet Pony sauer. Zu wenig bedeutet nix passiert)
  • Beide Hände müssen unterschiedliche Sachen machen
  • Die Hände müssen still bleiben, während der Körper sich bewegt

Das ist wie ein Instrument spielen, nur dass das Instrument ein 200-Kilo-Tier mit eigener Meinung ist.

Was ich beobachte:

Kinder mit Problemen bei der Stifthaltung oder der Handschrift, die verbessern sich oft durchs Reiten. Ich bin keine Ergotherapeutin, also keine Garantie. Aber ich seh’s immer wieder. Der Körper lernt Kontrolle, und das überträgt sich.

Napoleon ist super dafür. Der reagiert auf kleinste Signale. Wenn ein Kind zu grob ist, bleibt er stehen. Wenn’s fein und klar ist, macht er mit. Besseres Feedback gibt’s nicht.

Warum Lernen auf dem Pferd anders ist

Hier der Part, der mich am meisten fasziniert.

Das Gehirn lernt am besten, wenn zwei Sachen zusammenkommen: Wiederholung und Emotion.

Auf einem Heimtrainer: Wiederholung? Ja. Emotion? Meh.

Auf Sleepy: Wiederholung? Ja. Emotion? HALLO. Da ist ein echtes Tier, das atmet und guckt und reagiert.

Wenn ein Kind stolz ist, dass es Attila zum Antraben gebracht hat, dann brennt sich das ins Gehirn ein. Die Nervenbahnen werden stärker. Das Lernen bleibt.

Deshalb ist eine Stunde Reiten effektiver als drei Stunden Übungen in der Turnhalle. Nicht weil die Bewegungen besser sind, sondern weil das Kind mit dem Herzen dabei ist.

Räumliche Wahrnehmung: Wo bin ich eigentlich?

Das unterschätzen viele.

Auf dem Pferd muss ein Kind ständig wissen:

  • Wo ist mein Körper gerade? (Sitze ich schief? Kipp ich?)
  • Wie weit ist mein Fuss vom Steigbügel entfernt?
  • Wenn Ruffy jetzt nach links geht, wohin muss ich mein Gewicht verlagern?

Das ist räumliches Denken in Echtzeit. Und das hilft nachher beim Sport, beim Fahrradfahren, beim Nicht-gegen-Türen-Laufen.

Ich hatte ein Mädchen, das war so unkoordiniert, dass sie beim Gehen über ihre eigenen Füsse gestolpert ist. Nach einem Jahr auf Kylo? Sie turnt jetzt. Ernsthaft.

Wenn die Motorik hinkt: Reiten als Unterstützung

Ich will hier nichts versprechen, was ich nicht halten kann. Reiten ersetzt keine Therapie.

ABER: Für viele Kinder mit motorischen Schwierigkeiten ist es eine geniale Ergänzung.

  • Unkoordinierte Kinder: Die Bewegung ist rhythmisch und vorhersehbar. Gut zum Reinwachsen
  • Kinder mit schwacher Körperspannung: Müssen sich anspannen, merken es aber nicht als “Übung”
  • Hyperaktive Kinder: Die intensive Bewegung beruhigt paradoxerweise. Ich weiss nicht genau warum, aber es funktioniert

Quacky ist super für solche Fälle. Die ist so gemütlich und gleichmässig, dass auch sehr unsichere Kinder schnell Vertrauen fassen.

Für die, die's genau wissen wollen

Ich hab mich durch ein paar Studien gewühlt. Hier das Wichtigste:

Gleichgewicht: Eine Studie der Uni Tübingen (2020) hat gezeigt, dass Kinder nach 6 Monaten Reiten 15% besser im Gleichgewicht waren. Gemessen mit echten Tests, nicht nur gefühlt.

Motorik allgemein: Die Uni Hohenheim (2019) fand 12-18% Verbesserung in standardisierten Motorik-Tests. Bei Kindern, die einmal pro Woche geritten sind.

Therapeutischer Nutzen: Reittherapie ist in Deutschland als Kassenleistung anerkannt. Das sagt ja auch was.

Ich zitier hier jetzt keine Seitenzahlen, aber wer sich einlesen will: Google Scholar, “Hippotherapie Kinder Motorik”. Da kommt einiges.

Kontakt Hat dein Kind motorische Schwierigkeiten?

Schreib mir. Ich schau mir das Kind an, ihr erzählt mir, wo’s hakt, und dann gucken wir gemeinsam, ob und wie Reiten helfen kann. Unverbindlich. Ehrlich.

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