Saisonales

Anweiden: Rehe-Risiko reduzieren

Warum langsam besser ist und wie wir das am Ponyhof machen.

Sarah Handte 6 Min. Lesezeit
Ein Pony grast auf einer frischen Frühlingsweide.

Ein Pony grast auf einer frischen Frühlingsweide.

Für eilige Eltern (TL;DR)

  • Langsam starten: 10-15 Min. am Anfang reichen.
  • Fruktan ist gefährlich: Kalte Nächte + Sonne = Zuckerbombe.
  • Gefahrzeichen: Warme Hufe oder Puls bedeutet sofort Stopp.
  • Leichtfuttrige Ponys brauchen oft dauerhaft kürzere Weidezeiten.

Jedes Jahr im Frühling das gleiche Spiel. Die Wiesen werden grün, die Ponys schauen einen mit großen Augen an, wiehern am Zaun und wollen raus. Und ich? Ich steh da und muss den Spielverderber geben. “Nein, noch nicht.” “Erstmal nur zehn Minuten.” “Schluss für heute.”

Manchmal schauen mich die Eltern unserer Reitkinder fragend an, als wäre ich streng oder geizig mit dem Gras. Aber glaubt mir: Ich mache das nicht, um die Ponys zu ärgern. Ich mache das, um ihr Leben zu retten.

Frühlingsgras sieht harmlos aus, ist es aber nicht. Ich hab das schon erlebt. Nur zehn Minuten zu lang auf der Weide und schon kann der Bauch gebläht sein wie ein Luftballon oder – noch schlimmer – die Hufe werden heiß. Das vergisst man nicht.

Die Fruktan-Falle

Gras speichert Zucker. Fruktan heißt das Zeug. Besonders fies ist es, wenn nachts Frost war und morgens die Sonne rauskommt. Da ist das Gras quasi wie Zuckerwatte für Ponys. Kein Witz. Unser Tierarzt hat mir mal erklärt, dass manche Weiden morgens den Zuckergehalt von Cola haben. Deshalb lassen wir lieber mittags raus, wenn es ein bisschen wärmer ist.

Warum wir überhaupt “anweiden” müssen

Stellt euch vor, ihr esst den ganzen Winter nur Müsli und trockenes Brot. Und dann werdet ihr plötzlich in eine Konditorei gesperrt und dürft so viel Sahnetorte essen, wie ihr wollt. Was passiert? Richtig, Bauchschmerzen. Übelkeit. Chaos im Verdauungstrakt.

So ähnlich ist das bei Pferden, nur gefährlicher. Pferde haben im Dickdarm Millionen von Bakterien, die ihnen bei der Verdauung helfen. Im Winter sind diese Bakterien Spezialisten für Heu (also trockene, grobe Faser). Frisches Frühlingsgras hat aber ganz andere Eigenschaften: Es ist weich, wasserhaltig, eiweißreich und voller Zucker. Wenn wir das Pferd jetzt einfach auf die Wiese stellen, sind die Heu-Bakterien völlig überfordert. Sie sterben ab. Gleichzeitig vermehren sich andere Bakterien explosionsartig, die Zucker lieben. Bei diesem Massensterben der “guten” Bakterien entstehen Toxine (Gifte). Und diese Gifte gelangen ins Blut.

Und wo landen sie? In den feinen Kapillaren der Huflederhaut. Das führt zu einer Entzündung, die so schmerzhaft ist, dass man es sich kaum vorstellen kann: Hufrehe. Das Pferd steht quasi auf seinen eigenen, entzündeten Fingernägeln. Oft ist das ein Todesurteil.

Deshalb ist “langsam” nicht nur eine Empfehlung. Es ist die einzige Versicherung, die wir haben.

Woche 1: Das “An der Hand”-Training

Wir beginnen meistens Mitte April, je nach Wetter.

  • Dauer: 5 bis 10 Minuten pro Tag.
  • Methode: Wir führen die Ponys an der Hand grasen. Warum an der Hand? Weil wir sie dann wieder wegziehen können. Wenn man sie laufen lässt, fängt man sie nach 10 Minuten oft nicht mehr ein, weil das Gras so gut schmeckt.
  • Wichtig: Vorher Heu füttern! Ein sattes Pony schlingt nicht so gierig.

Woche 2: Die Viertelstunde

Wenn der Kot normal bleibt (kein Durchfall, kein Kotwasser), steigern wir.

  • Dauer: 15 bis 20 Minuten.
  • Methode: Wir stecken kleine Parzellen auf der Weide ab. So müssen sie nicht herumlaufen, sondern fressen ruhig.
  • Beobachtung: Wir fühlen jeden Tag die Hufe. Sind sie warm? Pocht die Fesselbeuge? Wenn ja: Sofort Stopp.

Woche 3: Langsame Steigerung

Jetzt gewöhnt sich der Darm langsam um.

  • Dauer: 30 bis 45 Minuten.
  • Achtung: Jetzt kommt oft der erste Übermut. Die Ponys merken “Hey, es gibt wieder Grün”. Wir müssen aufpassen, dass sie nicht durch Zäune brechen. Stabile Litzen und viel Strom sind jetzt Pflicht.

Woche 4: Die Stunde und mehr

Ab jetzt können wir auf eine Stunde gehen. Für unsere leichtfuttrigen Ponys (Shettys, Norweger) ist hier oft schon Schluss. Eine Stunde Weide am Tag reicht völlig, um den Vitaminbedarf zu decken. Mehr macht nur fett.

Der 4-Wochen-Zeitplan

1

Woche 1: An der Hand

5-10 Min

Start mit 5-10 Minuten. Immer vorher Heu füttern, damit der Magen voll ist. Nur an der Hand führen, um die Zeit genau zu kontrollieren.

2

Woche 2: Die Viertelstunde

15-20 Min

Steigerung auf 15-20 Minuten in kleinen Parzellen. Tägliche Hufkontrolle (Wärme/Puls) ist Pflicht!

3

Woche 3: Die halbe Stunde

30-45 Min

30-45 Minuten. Achtung vor Übermut – Zäune gut sichern, da die Ponys jetzt 'den Braten gerochen' haben.

4

Woche 4: Ziel erreicht

60 Min

60 Minuten. Für leichtfuttrige Rassen (Shettys) ist hier oft das Maximum erreicht. Mehr Weidezeit = Verfettungsgefahr.

Fressbremsen: Maulkorb oder Folterinstrument?

Oft fragen mich Spaziergänger entsetzt: “Warum hat das arme Pony einen Maulkorb an? Das ist ja Tierquälerei!” Ich verstehe, dass das so aussieht. Ein Korb vor dem Maul, durch den man das Gras nur halmweise zupfen kann. Aber die Wahrheit ist: Die Fressbremse ist oft der einzige Weg, wie ein Pony überhaupt auf die Koppel darf.

Ohne Fressbremse würde ein Shetty in einer Stunde so viel Gras inhalieren wie ein Großpferd in drei Stunden. Mit Fressbremse kann es mit den anderen draußen sein, sich bewegen, Sozialkontakte pflegen, aber es nimmt 70% weniger Energie auf. Die Alternative wäre: Einzelhaft im staubigen Paddock, während die anderen auf der Wiese sind. Das wäre Tierquälerei. Die meisten Ponys gewöhnen sich innerhalb von zwei Tagen an den Korb und akzeptieren ihn als ihre “Eintrittskarte” ins Grüne.

Typische Fragen von Reiteltern (und meine Antworten)

Am Zaun entstehen oft Diskussionen. Hier sind die Klassiker:

“Der Nachbar lässt seine Pferde aber schon den ganzen Tag raus.” Ja, das sehe ich. Aber der Nachbar hat vielleicht Warmblüter, die im Sport gehen und 600kg wiegen. Unsere Ponys sind Robustrassen aus kargen Gegenden (Shetlandinseln, Fjorde). Die sind genetisch darauf programmiert, aus Moos und Flechten Energie zu gewinnen. Wenn die eine deutsche Fettweide sehen, explodiert der Stoffwechsel. Man kann einen Ferrari nicht mit einem Traktor vergleichen.

“Können wir nach der Reitstunde noch kurz grasen lassen als Belohnung?” In der Anweidephase: Ein klares Nein. Zumindest nicht “einfach so”. Wenn das Pony heute schon seine 15 Minuten hatte, dann gibt es keine Minute mehr. Jede Handvoll Gras zählt. Als Belohnung gibt es eine Karotte oder Kraulen. Gras ist kein Leckerli, Gras ist ein hochpotentes Futtermittel.

“Wann ist die gefährlichste Zeit?” Viele denken, mittags bei praller Sonne. Aber eigentlich sind kalte, sonnige Morgenstunden am schlimmsten (wegen dem Fruktan, siehe oben). Oder auch: Gestresstes Gras. Eine abgefressene, kurze Weide, auf die die Sonne knallt, ist gefährlicher als langes, altes Gras. Das kurze Gras kämpft ums Überleben und pumpt sich voll mit Zucker. Deshalb ist “kurz halten” bei Rehe-Ponys oft der falsche Weg. Langes, überständiges Gras ist viel besser.

Alarmzeichen: Wann wir den Tierarzt rufen

Wir Reitpädagogen haben einen fast schon paranoiden Blick auf die Pferdebeine im Frühling. Worauf achten wir?

  1. Der “Sägebock-Stand”: Wenn ein Pony die Vorderbeine weit nach vorne streckt und das Gewicht auf die Hinterbeine verlagert, brennt die Hütte. Das ist die typische Rehe-Haltung, um die schmerzenden Vorderhufe zu entlasten. Sofort Tierarzt! Nicht warten!
  2. Klammer Gang: Das Pony läuft wie auf Eiern. Besonders auf hartem Boden oder in Kurven.
  3. Warme Hufe: Ein Pferdehuf sollte sich kühl anfühlen. Wenn er morgens warm ist, obwohl das Pferd nicht gelaufen ist -> Alarm.
  4. Puls: Man kann am Fesselgelenk den Puls fühlen. Normalerweise spürt man da fast nichts. Wenn es dort “pocht” wie nach dem Joggen, ist eine Entzündung im Huf.

Ein Erlebnis, das prägt

Ich erinnere mich an unseren kleinen Moritz. Vor Jahren ist er uns mal ausgebüxt. Er stand vielleicht zwei Stunden auf der satten Wiese, bevor wir ihn fanden. Wir dachten: “Naja, er hat einen dicken Bauch, wird schon gut gehen.” Am nächsten Morgen wollte er nicht aufstehen. Es folgten Wochen voller Schmerzmittel, Röntgenbilder, Hufverbände, Boxenruhe im weichen Sand. Wir haben um ihn gekämpft und er hat es geschafft. Aber wir haben ihn monatelang im Bollerwagen rausgezogen, weil er nicht laufen konnte. Wenn ich heute “Nein” sage, wenn ein Kind fragt “Darf er noch grasen?”, dann sehe ich den kleinen Moritz vor mir, wie er in seiner Box liegt und stöhnt. Und dann fällt mir das “Nein” sehr leicht.

Genießt den Frühling. Aber mit Verstand. Eure Ponys werden es euch danken – indem sie gesund bleiben und euch noch viele Jahre durch den Wald tragen können.

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