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Ratgeber

Erstes Ponyreiten in Renningen

Sarah Handte 6 Min. Lesezeit
Ein glückliches Kind bei seinem ersten Ausritt auf einem Pony.

Ein glückliches Kind bei seinem ersten Ausritt auf einem Pony.

Für eilige Eltern (TL;DR)

  • Beim ersten Ponyreiten zählt nicht die Strecke, sondern ein ruhiger Start.
  • Praktische Kleidung, klare Absprachen und ein entspanntes Kind reichen völlig aus.
  • Kurze Einheiten funktionieren für den Anfang besser als ein volles Programm.
  • Wenn du Fragen hast, klären wir sie vor Ort direkt und ohne Stress.

Neulich stand eine Mutter mit ihrer Tochter bei mir am Tor. Die Kleine, vielleicht vier Jahre alt, klammerte sich ans Hosenbein ihrer Mama und flüsterte mit großen Augen: “Die sind ja viel größer als im Fernsehen!” Ich musste lachen, aber ich verstand sie sofort. Ja, Ponys sind keine plüschigen Kuscheltiere aus der “Sendung mit der Maus”. Sie sind echt. Sie schnauben, sie stampfen, sie riechen. Und wenn man davor steht, wirken sie riesig.

Das erste Mal auf einem Pony sitzen – daran erinnern sich viele noch als Erwachsene. Es ist ein Moment, der prägt. Ich will, dass diese Erinnerung bei euren Kindern eine gute ist. Eine, die nach Mut und Stolz schmeckt. Deshalb habe ich hier aufgeschrieben, wie wir dieses erste Mal gestalten und was ihr als Eltern tun könnt, damit es entspannt bleibt.

Unser Grundsatz: Das erste Ponyreiten muss nicht perfekt sein. Es muss nicht lang sein. Es muss nur gut sein. Und dafür sorgen wir gemeinsam.

Phase 1: Das “Matching” – Wer passt zu wem?

Wir starten nie sofort auf dem Ponyrücken. Das wäre wie ein Sprung ins kalte Wasser. Wir starten am Boden. Wenn ihr ankommt, scanne ich (unauffällig) die Situation. Wie ist das Kind drauf?

  • Das schüchterne Kind: Es versteckt sich, spricht leise. Hier wähle ich ein Pony wie unsere Coco. Coco ist ein Fels. Sie atmet langsam, bewegt sich kaum. Ihre Ruhe überträgt sich.
  • Das Energiebündel: Das Kind rennt rum, redet schnell, will “loslegen”. Hier nehme ich oft ein Pony, das etwas präsenter ist, oder ich gebe dem Kind sofort eine Aufgabe (“Halt mal die Bürste”). Solche Kinder müssen ihre Energie kanalisieren.

Praxisbeispiel vom Hof: Vor ein paar Wochen kam ein Junge, Jonas (5), der kaum stillstehen konnte. Er fuchtelte mit den Armen und wollte sofort “Galopp!”. Wir haben ihn nicht gebremst, sondern gelenkt. “Jonas, das Pony braucht erst Wasser. Kannst du den Eimer tragen?” Plötzlich hatte er eine Mission. Er trug den schweren Eimer, er konzentrierte sich. Seine wilde Energie wurde zu Arbeitsenergie. Als er danach aufstieg, war er ruhig und stolz.

Phase 2: Die erste Berührung (Kontaktaufnahme)

Viele Kinder wollen das Pony sofort im Gesicht streicheln. Aber stellt euch vor, ein Fremder fasst euch sofort an die Nase. Unangenehm, oder? Wir erklären den Kindern die “Pony-Etikette”:

  1. Ansprechen: Wir sagen den Namen des Ponys.
  2. Schnuppern lassen: Wir halten den Handrücken hin. Das Pony entscheidet, ob es Kontakt will.
  3. Die sichere Zone: Wir streicheln am Hals oder an der Schulter. Das ist die “Freundschaftszone”. Am Kopf sind viele Ponys empfindlich, und an den Beinen haben wir nichts verloren.

So lernt das Kind in den ersten zwei Minuten die wichtigste Lektion des Reitsports: Respekt vor dem Lebewesen. Das Pony ist kein Sportgerät, sondern ein Partner mit eigener Meinung.

Phase 3: Die Putz-Zeit (Warum wir nicht gleich reiten)

“Müssen wir putzen? Wir wollen doch reiten!” fragen manche Eltern ungeduldig. Ja, wir müssen. Und zwar nicht, weil das Pony dreckig ist, sondern weil das Kind “ankommen” muss. Beim Putzen passiert etwas Magisches: Die Distanz schmilzt. Das Kind bürstet das Fell. Es spürt die Wärme. Es merkt: “Oh, das Fell zuckt, wenn ich hier bürste.” Es lernt die Reaktionen des Tieres kennen, während es noch sicher auf dem Boden steht.

Praxisbeispiel: Ein Mädchen mit sehr leiser Stimme hat sich nicht getraut, näher als zwei Meter heranzukommen. Wir haben das Pony einfach stehen lassen. Ich drückte dem Mädchen die weiche Schmusebürste in die Hand. “Halt die mal.” Nach zwei Minuten machte sie einen Schritt vor. Nach fünf Minuten berührte sie vorsichtig den Hals. Nach zehn Minuten bürstete sie mit Hingabe. Ohne Druck. Hätten wir sie gleich draufgesetzt, hätte sie geweint. So hat sie ihr Tempo selbst bestimmt.

Phase 4: Der Moment der Wahrheit – Das Aufsteigen

Jetzt wird es ernst. Der Boden wird verlassen. Wir nutzen immer eine Aufstieghilfe (einen kleinen Tritt). Warum?

  1. Es schont den Ponyrücken (weniger Zug an der Seite).
  2. Das Kind ist schon “höher” und muss sich nicht so hochziehen.

Ich erkläre immer: “Wir sind wie Indianer. Leise und leicht.” Wir springen nicht, wir gleiten. Wenn das Kind oben sitzt, warten wir erst mal. Nicht loslaufen. Das Kind muss erst mal fühlen: “Wackelt das? Wie hoch bin ich? Wo sind meine Beine?” Erst wenn das Kind nickt und vielleicht sogar lächelt, gibt das Pony den ersten Schritt.

Phase 5: Der Ritt (Weniger ist mehr)

Beim ersten Mal geht es nicht um “Reiten lernen” im technischen Sinne. Niemand lernt in der ersten Stunde Leichttraben. Es geht um das Bewegungsgefühl. Das Pony bewegt sich im Schritt dreidimensional: Es schaukelt vor und zurück, links und rechts, auf und ab. Für das menschliche Gehirn ist das Schwerstarbeit. Das Gleichgewichtsorgan im Ohr fährt Achterbahn. Deshalb sind wir oft nur 15 oder 20 Minuten unterwegs. Viele Eltern denken: “Was, so kurz? Das lohnt sich doch nicht.” Doch! Ein Kind, das nach 20 Minuten strahlend absteigt, kommt wieder. Ein Kind, das nach 45 Minuten erschöpft und reizüberflutet ist, kommt nie wieder.

Praxisbeispiel: Ein ambitionierter Vater wollte unbedingt, dass sein Sohn (6) trabt. “Der kann das, der ist sportlich!” Wir haben es versucht. Das Pony trabte an. Der Sohn wurde durchgeschüttelt, verlor den Halt, bekam Angst. Wir parierten sofort durch zum Schritt. Der Vater war enttäuscht, aber der Sohn war erleichtert. Wir haben dann erklärt: “Reiten ist wie Tanzen. Man muss erst den Takt finden, bevor man schnelle Drehungen macht.” Am Ende war der Vater einsichtig und der Sohn entspannt.

Antworten auf die Fragen, die Eltern sich (heimlich) stellen

“Was muss ich als Mama/Papa tun? Mitlaufen oder weggehen?” Beim ersten Mal: Mitlaufen! Ihr seid der “Sichere Hafen”. Wenn das Kind oben Angst bekommt, schaut es nicht zu mir (der fremden Reitlehrerin), sondern zu euch. Wenn ihr entspannt nebenher lauft, vielleicht sogar eine Hand am Bein des Kindes habt, signalisiert das Sicherheit. Aber: Bitte überlasst uns das Kommando. Wenn Mama sagt “Halt dich fest” und ich sage “Lass los und mach die Arme breit”, kommt das Kind in Konflikt. Vertraut uns. Wir passen auf.

“Welche Kleidung ist wirklich nötig?” Nein, ihr braucht für das erste Mal keine Reithose für 80 Euro kaufen. Aber es gibt zwei No-Gos:

  1. Sandalen: Auf gar keinen Fall. Wenn ein 300kg Pony auf einen nackten Zeh tritt, ist der Zeh Matsch. Wir brauchen feste, geschlossene Schuhe. Turnschuhe gehen, Wanderschuhe sind besser.
  2. Röcke/Kleider: Das scheuert an den Beinen. Eine bequeme Leggings oder Jogginghose ist perfekt. Jeans sind oft zu starr.

Und der Helm ist Pflicht. Fahrradhelm geht für den Anfang, Reithelm ist besser (wir verleihen welche).

“Kann mein Kind runterfallen?” Ich werde euch nicht anlügen: Ja, das kann passieren. Reiten ist ein Risikosport. Ein Pony kann stolpern, es kann sich vor einem auffliegenden Fasan erschrecken. Aber: Wir minimieren das Risiko extrem.

  • Wir führen das Pony (wir haben die Kontrolle, nicht das Kind).
  • Wir wählen die “Lebensversicherungen” unter den Ponys aus.
  • Wir bleiben auf sicherem Boden (Reitplatz oder ebener Weg). Das Risiko ist da, aber es ist kalkulierbar. Und genau diesen Umgang mit Risiko (“Ich bin mutig, obwohl es wackelt”) sollen die Kinder ja lernen.

“Was ist, wenn mein Kind Angst bekommt und abbrechen will?” Dann brechen wir ab. Sofort. Es gibt keinen Zwang am Ponyhof. “Du musst jetzt aber reiten, wir haben das bezahlt” – diesen Satz will ich nie hören. Wenn ein Kind weint, heben wir es runter. Wir trösten. Und vielleicht füttern wir dann nur noch eine Karotte. Oft ist das “Nein” heute ein “Ja” in zwei Wochen. Druck erzeugt nur Gegendruck (und Reitangst).

Das Ende: Der Abschied und die Karotte

Das Absteigen ist oft schwieriger als das Aufsteigen (“Füße aus den Bügeln nehmen!”). Wenn das Kind wieder Boden unter den Füßen hat, sind die Beine oft wie Wackelpudding. Das ist normal! Zum Abschluss darf das Kind dem Pony “Danke” sagen. Mit einer Karotte oder einem Apfelstück. Ich zeige den Kindern die “Pfannkuchen-Hand”: Hand ganz flach machen, Daumen anlegen. So kann das Pony das Leckerli nehmen, ohne versehentlich in einen Finger zu zwicken. Das Kauen des Ponys ist das schönste Geräusch zum Schluss. Es sagt: “Wir haben das gut gemacht.”

Kommt vorbei. Probiert es aus. Es ist okay, aufgeregt zu sein. Das sind wir (und die Ponys) manchmal auch.

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