Pferdewissen
Pferd hat Angst: Stress erkennen
Wie du erkennst, wann ein Pferd gestresst ist. Und was du dann tun kannst.

Ein braunes Pferd mit angelegten Ohren und geblähten Nüstern wird von einem Menschen am Hals beruhigt
Für eilige Eltern (TL;DR)
- Pferd hat Angst: Stress erkennen: worauf es im Alltag wirklich ankommt.
- Entscheidend sind Beziehung, Verlässlichkeit und ein Setting ohne Druck.
- Der Umgang mit dem Pony verbindet Körper, Emotion und Aufmerksamkeit auf eine sehr direkte Art.
- Regelmäßigkeit wirkt stärker als einzelne große Einheiten.
Ich stand letzte Woche mit einer Kindergruppe bei Coco am Putzplatz, als plötzlich ein Traktor am Hof vorbeigefahren ist. Laut, mit Anhänger, völlig unerwartet. Coco ist hochgegangen. Nicht dramatisch, aber sie hat den Kopf hochgerissen, die Nüstern gebläht und angefangen zu tänzeln. Drei Kinder haben erschrocken geguckt, eins hat angefangen zu weinen.
Warum Pferde Angst haben
Pferde sind Fluchttiere. Das klingt wie ein Lehrbuch-Satz, aber er erklärt alles. In der Natur leben Pferde in der offenen Steppe. Ihre einzige Überlebensstrategie gegen Raubtiere ist: Wegrennen. Und zwar sofort. Nicht nachdenken, nicht abwägen, sondern rennen. Fragen kommen später.
Dieses Verhalten ist bei unseren Ponys immer noch drin. Auch wenn Napoleon seit zehn Jahren keinen Wolf gesehen hat und der gefährlichste Feind auf dem Hof eine Plastiktüte ist. Sein Gehirn sagt trotzdem: „Könnte gefährlich sein. Besser mal Adrenalin reinpumpen."
Das ist keine Schwäche. Das ist Evolution. Und wenn Kinder das verstehen, gehen sie ganz anders mit einem ängstlichen Pferd um. Nicht mit Angst, sondern mit Verständnis.
Die Körpersprache lesen
Stress und Angst zeigen sich beim Pferd über den ganzen Körper. Wenn du lernst, diese Zeichen zu lesen, bist du dem Pferd einen Schritt voraus. Du merkst, BEVOR es knallt, dass was nicht stimmt.
| Körperteil | Entspannt | Gestresst |
|---|---|---|
| Ohren | Seitlich oder leicht nach vorne, locker beweglich | Stark nach hinten, steif nach vorne fixiert oder hektisch rotierend |
| Augen | Weich, halb geschlossen, ruhiger Blick | Weit aufgerissen, Weiß sichtbar, hektischer Blick |
| Nüstern | Normal groß, ruhige Atmung | Gebläht, schnelle Atmung, eventuell Schnauben |
| Maul | Unterlippe hängt, Kauen, Lecken | Zusammengepresst, Zähneknirschen, häufiges Gähnen |
| Schweif | Hängt locker, pendelt leicht | Eingeklemmt, peitschend, steif hochgetragen |
| Körper | Locker, Gewicht gleichmäßig, ruhiges Stehen | Angespannt, Muskelzittern, tänzelnd, schwitzend |
Das Wichtigste: Du musst das Gesamtbild lesen, nicht einzelne Zeichen. Ein Pferd kann die Ohren nach hinten legen, weil es einer Fliege lauscht. Das ist kein Stress. Aber wenn die Ohren hinten sind UND die Nüstern gebläht UND der Schweif eingeklemmt, dann ist das ein klares Signal.
Ich sag den Kids immer: „Schaut nicht nur auf eine Sache. Schaut auf das ganze Pony. Wie ein Detektiv." Und dann fangen sie an zu beobachten, und es ist jedes Mal faszinierend, wie schnell sie das lernen.
Typische Angstauslöser
Bei Ponys am Hof gibt es Klassiker, die fast jedes Pferd mal stressen.
Plötzliche Geräusche. Traktoren, Gewitter, knallende Türen, bellende Hunde. Alles was laut und unerwartet kommt, kann ein Pferd erschrecken. Nicht weil es dumm ist, sondern weil sein Gehirn auf „Gefahr" programmiert ist.
Flatternde Dinge. Plastiktüten, Planen, Regenschirme. Alles was sich unvorhersehbar bewegt, ist für ein Pferd potenziell gefährlich. Ein Regenschirm sieht für ein Pferd aus wie ein sich öffnendes Raubtiermaul. Klingt absurd, ist aber die Realität in einem Pferdgehirn.
Neue Umgebungen. Ein Pferd, das zum ersten Mal irgendwo hinkommt, ist per Definition nervöser als in seiner gewohnten Umgebung. Deswegen sind unsere Ponys so entspannt: Sie kennen den Hof, sie kennen die Geräusche, sie kennen die Routine.
Mangelnde Sicht. Pferde sehen fast rundherum, aber direkt hinter sich haben sie einen blinden Fleck. Wenn jemand von hinten kommt, ohne sich bemerkbar zu machen, kann das Pferd erschrecken. Deswegen: Immer von vorne oder seitlich nähern und dabei ruhig reden.
Was du tun kannst
Wenn ein Pferd Angst zeigt, gibt es ein paar einfache Dinge, die helfen. Und ein paar Dinge, die man auf keinen Fall tun sollte.
Do's und Don'ts bei einem ängstlichen Pferd
Tun:
- Selbst ruhig bleiben. Deine Ruhe überträgt sich aufs Pferd.
- Tief und langsam atmen. Pferde nehmen deine Atmung wahr.
- Mit ruhiger, tiefer Stimme reden. Nicht flüstern, einfach normal und ruhig.
- Dem Pferd Raum geben. Nicht festhalten, nicht einengen.
- Abwarten. Meist beruhigt sich das Pferd innerhalb von Sekunden.
Nicht tun:
- Schreien oder hektisch werden.
- Am Strick zerren oder das Pferd zwingen, stillzustehen.
- Von hinten anfassen oder plötzliche Bewegungen machen.
- Das Pferd bestrafen, weil es erschrocken ist.
- So tun, als wäre nichts passiert. Das Pferd hat echte Angst. Respektiere das.
Bei uns am Hof hatte ich mal einen Jungen, der bei jedem Erschrecken eines Ponys selbst in Panik geraten ist und losgerannt ist. Rennen ist das Schlimmste, was man bei einem ängstlichen Pferd machen kann. Denn Pferde sind Herdentiere: Wenn einer rennt, rennen alle. Der Junge musste erstmal lernen, stehen zu bleiben. Das haben wir geübt, ohne Pferd. Ich hab in die Hände geklatscht und er musste stillstehen. Nach ein paar Mal hat er es draufgehabt. Und als beim nächsten Mal ein Pony kurz gezuckt hat, stand er wie eine Eins. Er war stolz. Und das Pony war ruhig.
Was Kinder von ängstlichen Pferden lernen
Das ist der Teil, den ich als Pädagogin am wertvollsten finde. Kinder, die lernen mit der Angst eines Pferdes umzugehen, lernen gleichzeitig mit ihrer eigenen Angst umzugehen.
Wenn ein Kind versteht, dass Coco nicht böse ist, wenn sie scheut, sondern Angst hat, dann versteht es auch, dass sein Freund nicht böse ist, wenn er ausrastet, sondern Angst hat. Das ist Empathie auf einem Level, das kein Schulbuch vermittelt.
Ein Kind, das gelernt hat, ein ängstliches Pferd zu beruhigen, hat etwas verstanden, was viele Erwachsene bis heute nicht können: Dass Ruhe mehr bewirkt als Lautstärke. Und dass man Angst nicht bestrafen darf, sondern begleiten muss.
Ich hab einen Jungen, der kommt seit zwei Jahren. Am Anfang hat er sich vor allem erschrocken. Vor lauten Geräuschen, vor plötzlichen Bewegungen, vor fremden Ponys. Inzwischen ist er derjenige, der die anderen Kinder beruhigt, wenn ein Pony mal zuckt. Er sagt: „Ruhig bleiben, das Pony hat nur kurz Angst gehabt." Und dann streichelt er das Pony am Hals und alles ist gut.
Beobachtungsübung für Eltern
Wenn du das nächste Mal am Stall bist, nimm dir fünf Minuten und beobachte die Ponys. Schau nicht aufs Handy, sondern auf die Pferde. Gibt es eins, das locker steht, mit hängender Unterlippe? Das ist tiefenentspannt. Gibt es eins, das den Kopf hochhält und die Ohren hin und her dreht? Das ist aufmerksam, aber nicht unbedingt gestresst. Gibt es eins, das schwitzt, obwohl es nicht geritten wurde? Das könnte Stress sein.
Je besser du die Ponys lesen kannst, desto besser kannst du einschätzen, was dein Kind gerade erlebt. Und desto ruhiger kannst du bleiben, wenn mal was passiert. Denn du weißt: Das Pony hat Angst. Nicht mehr, nicht weniger. Und Angst geht vorbei. Immer.
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