Reittherapie
Reittherapie einfach erklärt
Was passiert bei einer Reittherapie? Für wen ist sie gedacht? Was kostet sie?

Ein sonniger Tag auf der Koppel: Ein Kind streichelt das Pferd ruhig am Hals, während die Reittherapeutin lächelnd daneben steht
Für eilige Eltern (TL;DR)
- Reittherapie nutzt das Pony als Partner für Entwicklung und Stabilität im Alltag.
- Es geht nicht um Reittechnik, sondern um Wahrnehmung, Regulation und Beziehung.
- Abläufe sind klar strukturiert, damit Kinder Sicherheit und Orientierung bekommen.
- Kleine Fortschritte sind hier der Maßstab und oft langfristig besonders wertvoll.
Wenn ich sage, dass ich Reittherapie mache, gucken die meisten Leute erstmal irritiert. „Therapie? Auf einem Pferd? Ist das so was wie Psycho-Reiten?" Nein, ist es nicht. Aber ich versteh die Verwirrung. Der Begriff ist schwierig, und es gibt tausend verschiedene Angebote, die sich alle irgendwie ähnlich nennen.
Was Reittherapie wirklich ist
Reittherapie ist ein Sammelbegriff für verschiedene Formen der therapeutischen und pädagogischen Arbeit mit Pferden. Es gibt drei Hauptrichtungen:
Hippotherapie: Das ist medizinisch. Ein Physiotherapeut arbeitet mit dem Pferd als Bewegungsmedium. Das Kind sitzt auf dem Pferd und die dreidimensionale Bewegung des Pferderückens trainiert Muskulatur, Balance und Koordination. Das wird ärztlich verordnet und ist für Kinder mit körperlichen Einschränkungen gedacht. Cerebralparese, Muskeldystrophie, Entwicklungsverzögerungen.
Heilpädagogisches Reiten: Das ist pädagogisch. Hier geht es nicht um Reitkunst, sondern um die Beziehung zwischen Kind und Pferd. Das Kind lernt Verantwortung, Selbstvertrauen, Kommunikation und emotionale Regulation durch den Umgang mit dem Pferd. Das ist mein Schwerpunkt bei uns am Hof.
Ergotherapie mit Pferd: Eine Mischform. Ergotherapeuten nutzen das Pferd, um motorische und kognitive Fähigkeiten zu trainieren. Zum Beispiel Feinmotorik beim Putzen oder Konzentration beim Reiten.
Heilpädagogisches Reiten ≠ Reitunterricht
Der wichtigste Unterschied: Beim heilpädagogischen Reiten geht es NICHT ums Reiten lernen. Es geht um das Kind. Das Pferd ist das Mittel, nicht das Ziel. Ob das Kind am Ende der Therapie reiten kann, ist nebensächlich. Ob es selbstbewusster, ruhiger oder sozialer geworden ist, das zählt.
Für wen ist das?
Reittherapie ist für Kinder, die in bestimmten Bereichen Unterstützung brauchen. Das kann sehr unterschiedlich aussehen.
ADHS und ADS: Kinder, die Schwierigkeiten haben, sich zu konzentrieren, still zu sitzen oder Impulse zu kontrollieren. Das Pferd gibt unmittelbares Feedback. Wenn das Kind zappelt, wird das Pferd unruhig. Wenn das Kind ruhig wird, wird das Pferd ruhig. Das lernt kein Medikament.
Angststörungen und soziale Unsicherheit: Kinder, die sich in Gruppen unwohl fühlen, wenig Selbstvertrauen haben oder in sozialen Situationen überfordert sind. Das Pferd urteilt nicht. Es reagiert auf Verhalten, nicht auf Aussehen, Noten oder soziale Stellung.
Autismus-Spektrum: Kinder auf dem Spektrum profitieren oft enorm von der Arbeit mit Pferden. Die klare, nonverbale Kommunikation des Pferdes ist für viele autistische Kinder leichter zu verstehen als menschliche Interaktion.
Motorische Entwicklungsverzögerungen: Kinder, die Schwierigkeiten mit Gleichgewicht, Koordination oder Feinmotorik haben. Die Bewegung auf dem Pferd trainiert all das gleichzeitig.
Trauma und emotionale Belastung: Kinder nach schwierigen Erfahrungen können im Umgang mit dem Pferd einen sicheren Raum finden, in dem sie Gefühle verarbeiten können.
Und ganz wichtig: Reittherapie ist nicht nur für „schwierige" Kinder. Es ist für jedes Kind, das in einem bestimmten Bereich Unterstützung gebrauchen kann. Das kann auch das schüchterne Mädchen sein, das sonst alles super macht, aber keinen Ton im Unterricht sagt. Oder der Junge, der motorisch hinterherhinkt, obwohl er kognitiv fit ist.
Was bei einer Stunde passiert
Eine typische Reittherapie-Stunde bei uns dauert sechzig Minuten. Aber sie sieht ganz anders aus als eine Reitstunde. Es gibt keinen festen Ablauf, den ich stur durchziehe. Ich beobachte, wo das Kind heute steht, und passe die Stunde an.
Ein typischer Ablauf könnte so aussehen:
Ankommen und Begrüßen
5-10 MinDas Kind kommt an und erzählt kurz vom Tag. Kein Druck, kein Zeitstress.
Pony holen und putzen
10-15 MinGemeinsam das Therapiepony von der Weide holen, Halfter anlegen und in Ruhe putzen.
Aufgabe am Boden
10-15 MinEine Übung ohne Reiten, zum Beispiel über Hindernisse führen oder einen kleinen Parcours bauen.
Auf dem Pony
15-20 MinÜbungen im Schritt für Balance, Vertrauen und Körperwahrnehmung, angepasst an den Tageszustand.
Abschied
5-10 MinPony zurückbringen, Leckerli geben und kurz gemeinsam auf die Stunde schauen.
Wie viel Reiten ist da drin? Unterschiedlich. Manche Kinder sitzen die halbe Stunde auf dem Pony, manche gar nicht. Es gab Stunden, in denen das Kind nur neben dem Pony stand und es gestreichelt hat. Und das war genau richtig für dieses Kind an diesem Tag.
Was es NICHT ist
Reittherapie ist keine Reitstunde. Das Kind lernt nicht Galoppieren. Es gibt keine Dressuraufgaben, keine Springübungen, keine Prüfungen.
Reittherapie ist auch keine Psychotherapie. Ich bin keine Psychologin. Ich bin Reitpädagogin. Ich arbeite mit dem Pferd als Medium, um pädagogische und therapeutische Ziele zu erreichen. Wenn ein Kind eine echte psychische Erkrankung hat, braucht es einen Therapeuten. Reittherapie kann begleitend wirken, ersetzt aber keine klinische Behandlung.
Und Reittherapie ist keine Wunderheilung. Ich mache keine Versprechen, die ich nicht halten kann. Was ich versprechen kann: Das Kind wird Erfahrungen machen, die es woanders nicht bekommt. Es wird einem Lebewesen begegnen, das ehrlich reagiert. Und das verändert was. Nicht über Nacht, aber über Zeit.
Reittherapie heilt nicht. Aber sie öffnet Türen, die vorher verschlossen waren. Ich hab Kinder erlebt, die zum ersten Mal gelacht haben, als sie auf dem Pferd saßen. Kinder, die zum ersten Mal jemandem vertraut haben. Kinder, die zum ersten Mal stolz auf sich waren. Das kann kein Medikament.
Was es kostet
Seien wir ehrlich: Reittherapie ist nicht günstig. Eine Stunde kostet in Deutschland je nach Anbieter und Region zwischen fünfzig und neunzig Euro.
Zahlt die Krankenkasse? In den meisten Fällen leider nicht. Hippotherapie kann als Physiotherapie verordnet werden und wird dann teilweise von der Kasse übernommen, aber das ist an strenge Voraussetzungen geknüpft. Heilpädagogisches Reiten wird in der Regel nicht von der Krankenkasse bezahlt.
Was es noch gibt: Jugendämter, Sozialämter und manche Stiftungen übernehmen unter bestimmten Umständen die Kosten. Bei Kindern mit anerkannter Behinderung oder Förderbedarf kann über das Jugendamt eine Kostenübernahme beantragt werden. Das ist bürokratisch, aber machbar.
Mein Tipp: Sprich mit dem Kinderarzt. Der kennt die Möglichkeiten in eurer Region und kann eine Empfehlung schreiben. Die hilft bei der Beantragung.
Was Eltern sagen
Ich höre von Eltern immer wieder Sätze wie: „Mein Kind ist nach der Reittherapie wie ausgewechselt." Oder: „Er redet seit der Stunde über nichts anderes mehr." Oder der Klassiker: „Können wir öfter kommen?"
Eine Mutter hat mir mal geschrieben, dass ihr Sohn, der in der Schule kein Wort sagt, auf dem Nachhauseweg vom Ponyhof eine halbe Stunde lang erzählt hat, was Napoleon gemacht hat. Eine halbe Stunde. Von einem Kind, das in der Schule nicht spricht. Das sind die Momente, die mich daran erinnern, warum ich das mache.
Ein Vater hat gesagt: „Ich hab meine Tochter noch nie so konzentriert gesehen wie beim Putzen." Seine Tochter hat ADHS und kann in der Schule kaum stillsitzen. Aber beim Putzen war sie zwanzig Minuten fokussiert. Weil es einen Sinn hat. Weil ein echtes Tier da steht. Weil es nicht abstrakt ist wie Mathe.
Der erste Schritt
Wenn du denkst, dass Reittherapie etwas für dein Kind sein könnte, dann mach dir keinen Kopf. Komm einfach vorbei. Wir unterhalten uns, ich lerne das Kind kennen, und wir schauen gemeinsam, ob und wie es passen könnte. Es gibt keine Verpflichtung, keinen Vertrag, keinen Druck.
Manchmal reicht ein einziges Treffen, um zu spüren, ob das Kind und das Pferd zusammenpassen. Und wenn ja, dann legen wir los. Schritt für Schritt. Im Tempo des Kindes. Nicht schneller, nicht langsamer.
Kontakt Reittherapie ausprobieren?
Ruf an oder schreib mir. Erzähl mir von deinem Kind, was es braucht, was es herausfordert. Und dann schauen wir gemeinsam, wie die Ponys helfen können. Ohne Druck, ohne Versprechen, aber mit viel Herz.


