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Ratgeber

Vom Pferd gefallen, und jetzt?

Stürze passieren. Entscheidend ist, was du in den ersten Minuten machst.

Sarah Handte 7 Min. Lesezeit
Reiterin steht neben ihrem Pferd nach einem Sturz auf dem Reitplatz

Reiterin steht neben ihrem Pferd nach einem Sturz auf dem Reitplatz

Ich sag’s direkt: Wer reitet, fällt irgendwann runter. Das ist kein Versagen, das ist Statistik. Ich bin öfter vom Pferd gefallen, als mir lieb ist, und ich mache das seit über fünfzehn Jahren. Jeder Sturz hat mich was gelehrt. Meistens, dass der Boden härter ist, als man denkt.

Der wichtigste Moment ist nicht der Sturz selbst. Es sind die zwei Minuten danach. Was du in diesen Minuten machst, entscheidet darüber, ob du ruhig bleibst, ob du dich richtig einschätzt und ob du dein Kind oder dich selbst in Sicherheit bringst. Deswegen schreib ich das hier auf. Damit du im Ernstfall nicht nachdenken musst, sondern einfach weißt, was dran ist.

Was direkt nach dem Sturz wichtig ist

Erstmal: Liegen bleiben. Klingt komisch, ist aber ernst gemeint. Nicht sofort aufspringen. Das machen fast alle, weil es peinlich ist, weil Leute gucken, weil man zeigen will dass alles gut ist. Aber genau das ist der Fehler. Denn in dem Moment, wo du aufspringst, merkst du nicht, ob dir was fehlt. Adrenalin macht das. Du spürst erstmal nix und denkst, alles ist super. Und dann nach zehn Minuten tut plötzlich alles weh.

Also: Kurz liegen bleiben. Durchatmen. Einmal bewusst den Körper durchgehen. Bewege die Finger. Bewege die Zehen. Dreh den Kopf vorsichtig. Spürst du alles? Tut was besonders weh? Dann erst langsam aufsetzen. Und dann erst aufstehen. Das dauert dreißig Sekunden und kann einen Riesenunterschied machen.

Bei uns am Hof hatte ich mal ein Mädchen, elf Jahre, ist von Coco runtergerutscht. Nichts Wildes, einfach aus dem Sattel gerutscht beim Angaloppieren. Sie ist sofort aufgesprungen, hat gelacht und gesagt „alles gut". Zwanzig Minuten später saß sie auf der Bank und hat geheult, weil ihr Handgelenk angeschwollen war. Verstaucht. Hätte sie kurz liegen gelassen und gecheckt, hätten wir das sofort gesehen.

Kurz wichtig

Kopf, Nacken, Rücken: Wenn nach einem Sturz Schmerzen im Nacken- oder Rückenbereich auftreten, Kribbeln in Armen oder Beinen oder Schwindel, bitte SOFORT liegen bleiben und den Rettungsdienst rufen. Nicht bewegen lassen. Das ist kein Scherz und kein übertriebenes Vorsichtigsein. Das ist lebenswichtig.

Körper-Check in 60 Sekunden

Du liegst am Boden. Du hast durchgeatmet. Jetzt der schnelle Check. Das geht in einer Minute und gibt dir Klarheit.

Starte unten: Zehen bewegen, Füße kreisen, Knie beugen. Dann Hüfte: Kannst du dich leicht zur Seite drehen? Dann Hände: Finger spreizen, Handgelenke drehen. Arme anwinkeln. Schultern kreisen. Kopf vorsichtig von links nach rechts drehen. Brust: Tief einatmen. Tut es beim Atmen weh? Das kann auf eine Rippenprelllung hindeuten.

Wenn alles funktioniert und nichts extrem wehtut, kannst du dich langsam aufsetzen. Bleib noch kurz sitzen. Ist dir schwindelig? Siehst du Sterne oder verschwommen? Wenn nein: aufstehen. Wenn ja: sitzen bleiben und Hilfe holen.

1

Liegen bleiben, durchatmen, Ruhe reinbringen

2

Zehen, Füße, Knie bewegen und prüfen

3

Hüfte vorsichtig drehen, Hände und Arme testen

4

Schultern kreisen, Kopf langsam bewegen

5

Tief einatmen, auf Rippenschmerz achten

6

Langsam aufsetzen, auf Schwindel achten

7

Erst aufstehen, wenn alles stabil ist

Kopf- und Schwindel-Check

Kopfverletzungen sind beim Reiten die größte Gefahr. Deswegen tragen wir am Hof immer Helm. Immer. Ohne Ausnahme. Aber auch mit Helm kann es zu einer Gehirnerschütterung kommen.

Zeichen für eine Gehirnerschütterung: Schwindel, Übelkeit, Kopfschmerzen, Verwirrtheit, kurzzeitiger Erinnerungsverlust. Manchmal merkt man es erst Stunden später. Deswegen gilt bei uns: Wenn jemand auf den Kopf gefallen ist, reitet die Person an dem Tag nicht mehr. Punkt.

Ein Vater hat mich mal gefragt, ob sein Sohn nicht noch die letzte Runde reiten darf, nachdem er kurz geschwindelt hat. Ich hab nein gesagt. Hart, aber richtig. Man scherzt nicht mit dem Kopf. Lieber einen Tag Pause als eine verschleppte Gehirnerschütterung.

Und ganz wichtig: Wenn der Helm einen Aufprall hatte, muss er ersetzt werden. Auch wenn er von außen gut aussieht. Die Schale kann innen gebrochen sein und schützt beim nächsten Mal nicht mehr.

Pferd und Ausrüstung prüfen

Wenn du dich gecheckt hast, kommt das Pferd dran. Meistens steht es in der Nähe und guckt dich leicht verwirrt an. Ponys sind gut darin, so zu tun, als wäre nichts passiert.

Schau erstmal, ob das Pferd lahmt. Lass es ein paar Schritte führen. Schau auf die Beine, ob irgendwo was geschwollen ist oder blutet. Dann check den Sattel: Ist er verrutscht? Ist der Sattelgurt noch ganz? Sind die Steigbügel okay?

Bei uns ist mal ein Steigbügelriemen gerissen, als ein Kind runtergerutscht ist. Der Riemen war alt und brüchig. Seitdem kontrollieren wir die Ausrüstung noch genauer. Leder wird spröde, Nähte gehen auf, Schnallen rosten. Das sind keine Kleinigkeiten.

Nach dem Sturz Checkliste

  • [object Object]
  • Auf Schwindel und Übelkeit achten
  • Helm auf Beschädigungen prüfen, ggf. ersetzen
  • Pferd auf Lahmheit und Verletzungen kontrollieren
  • Sattel, Gurt, Steigbügel und Zaumzeug prüfen
  • Reitplatz sichern, andere Reiter informieren
  • [object Object]

Angst und Kopfkino runterfahren

Das ist der Teil, über den keiner redet. Aber er ist oft schlimmer als die blauen Flecken.

Nach einem Sturz fängt das Kopfkino an. Beim nächsten Mal auf dem Pferd denkst du nur noch: Was, wenn das wieder passiert? Dein Körper erinnert sich an den Aufprall, an das Gefühl der Kontrolle, die weg war. Das ist komplett normal. Das ist keine Schwäche. Das ist dein Gehirn, das dich beschützen will.

Bei Kindern sehe ich das oft. Ein Kind fällt beim Galoppieren runter, und danach will es nur noch Schritt reiten. Oder gar nicht mehr reiten. Das ist okay. Wir zwingen niemanden. Aber wir begleiten.

Was hilft: Darüber reden. Mit dem Kind, mit den Eltern, mit dem Reitlehrer. Nicht so tun, als wäre nichts passiert. Nicht sagen „Stell dich nicht so an". Sondern sagen: „Das war echt doof. Ich versteh, dass du Angst hast. Lass uns gucken, wie wir das zusammen angehen."

Jeder, der sagt, er hatte nach einem Sturz nie Angst, lügt. Oder er ist nie richtig gefallen. Angst ist nicht das Problem. Angst ignorieren ist das Problem.

Sarah Handte Reitpädagogin

Ich hatte selbst mal eine Phase nach einem fiesen Sturz von Balu, wo ich wochenlang ein mulmiges Gefühl hatte. Nicht schlimm, aber es war da. Was mir geholfen hat: Kleine Schritte. Erstmal nur führen. Dann draufsitzen, im Stand. Dann Schritt. Und irgendwann war das Vertrauen wieder da. Nicht von heute auf morgen, aber es kam zurück.

Wann wieder aufsteigen Sinn macht

Die alte Regel „sofort wieder drauf" ist Quatsch. Zumindest als Pauschalaussage. Manchmal macht es Sinn, direkt wieder aufzusteigen. Nämlich dann, wenn der Sturz harmlos war, du dich gut fühlst und das Pferd ruhig ist. Da kann sofort wieder aufsteigen sogar helfen, weil du dem Gehirn signalisierst: Ist nicht schlimm, weiter geht’s.

Aber es gibt genauso Situationen, wo man definitiv nicht wieder aufsteigen sollte. Wenn du Schmerzen hast. Wenn dir schwindelig ist. Wenn das Pferd nervös ist. Wenn du innerlich zitterst. Dann ist es klüger, den Tag zu beenden und nächstes Mal frisch anzufangen.

Bei Kindern empfehle ich: Wenn das Kind wieder drauf will und sich gut fühlt, gerne. Aber nur mit Führen, im Schritt, kurze Runde. Und wenn das Kind nicht will, ist das genauso okay. Dann machen wir was anderes. Putzen, Möhren schneiden, Pferd streicheln. Hauptsache, das Kind geht nicht mit einem Trauma nach Hause.

Mini-Plan für den nächsten Ritt

Wenn du einen Sturz hattest und die nächste Reitstunde ansteht, hilft ein kleiner Plan. Nicht weil du einen brauchst, sondern weil er dir Sicherheit gibt.

Komm ein paar Minuten früher. Geh in Ruhe zum Pferd. Nimm dir extra Zeit beim Putzen. Das beruhigt dich und das Pferd. Dann steig auf und bleib erstmal im Schritt. Spüre nach: Wie fühlt sich das an? Bist du angespannt? Dann bewusst ausatmen. Schultern runterlassen. Hände lockern.

Wenn der Schritt sich gut anfühlt, kannst du in den Trab wechseln. Aber nur, wenn DU dich bereit fühlst. Nicht weil der Lehrer es sagt, nicht weil die anderen galoppieren. Dein Tempo.

Und wenn es an dem Tag nur Schritt ist? Dann war es ein guter Tag. Weil du auf dem Pferd warst. Weil du es nochmal versucht hast. Alles andere kommt dann von allein.

Man sagt immer, Reiten ist die Schule des Lebens. Und Stürze gehören zum Lernen dazu. Nicht jeder Sturz muss ein Drama sein. Die meisten sind harmlos, mal ein blauer Fleck, mal ein Schreck. Aber jeder Sturz verdient Respekt. Und jeder Mensch, der danach wieder aufsteigt, verdient Anerkennung.

Ich hab schon so viele Kinder gesehen, die nach einem Sturz erstmal geweint haben und zwei Wochen später stolz im Galopp über den Platz geritten sind. Das sind die Momente, für die ich diesen Job mache.

Kontakt Unsicher nach einem Sturz? Schreib uns kurz

Wenn du oder dein Kind nach einem Sturz unsicher seid, meld dich einfach. Wir schauen gemeinsam, wie wir den Wiedereinstieg entspannt gestalten. Ohne Druck, ohne Hektik.

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