Gesundheit
Wenn Ponys zum Graskopf werden
Zu viel Weidegang kann gefährlich sein. So schützt ihr eure Ponys vor Hufrehe und Übergewicht.

Ein robustes Pony mit Fressbremse auf einer saftig grünen Weide im Sommer.
Für eilige Eltern (TL;DR)
- Sattes Frühlingsgras ist für viele Ponys ein echtes Stoffwechselrisiko.
- Langsames Anweiden und feste Zeiten schützen besser als spontanes Grasen.
- Gewicht, Hufwärme und Bewegungsfreude sollten täglich beobachtet werden.
- Weniger Weidezeit plus Bewegung ist oft gesünder als ein voller Bauch.
Letzten Sommer stand ich vor Coco, unserem Shetlandpony, und musste mir eingestehen: Sie war kein Pony mehr. Sie war ein Kühlschrank auf vier Beinen. Ein kleiner, plüschiger Tisch. Viele Besucher finden das süß. “Guck mal, wie rund das Pony ist! So knuffig!” Aber mir läuft es bei solchen Sätzen kalt den Rücken runter. Denn Fett ist bei Ponys kein Schönheitsfehler. Fett ist eine tickende Zeitbombe.
Warum manche Ponys “Luft atmen” und dick werden
Pferde sind Steppentiere. Sie sind dafür gemacht, täglich 30 Kilometer zu laufen, um karges, trockenes Steppengras zu finden. Bei uns im Schwabenland sieht die Realität anders aus: Sie laufen 3 Kilometer (wenn überhaupt) und stehen auf Weiden, die so fett und grün sind, dass sie eher für Hochleistungskühe geeignet wären. Besonders unsere nordischen Rassen (Shettys, Isländer, Norweger, Tinker) sind extreme Futterverwerter. Ihr Stoffwechsel ist ein Sparwunder. Gib ihnen eine fette deutsche Wiese, und ihr Körper sagt: “Super! Notfall-Speicher anlegen! Wer weiß, wann die nächste Eiszeit kommt!” Nur: Die Eiszeit kommt nicht. Das Pony wird immer dicker.
Das metabolische Syndrom (EMS): Das ist wie Typ-2-Diabetes beim Menschen. Das Fettgewebe beim Pferd (besonders am Mähnenkamm und an der Kruppe) ist nicht nur passiver Speck. Es ist ein hormonell aktives Organ. Es sendet Entzündungsbotenstoffe aus. Der Körper reagiert nicht mehr richtig auf Insulin. Der Zucker im Blut steigt. Und das führt am Ende zur Hufrehe – einer Entzündung der Huflederhaut, bei der sich die Hufkapsel vom Knochen löst. Das ist extrem schmerzhaft und oft tödlich.
Die Sache mit der Fressbremse: Folter oder Rettung?
Ich gebe es zu: Ich mag Fressbremsen nicht. Sie sehen doof aus (wie Hannibal Lecter für Ponys). Es tut mir leid, wenn ich in die traurigen Augen schaue, die durch den Korb blinzeln. Aber: Lieber ein Pony mit Korb auf der Wiese als ein totes Pony.
Bei Coco mussten wir letzten Sommer hart durchgreifen. Wir haben verschiedene Modelle getestet:
- Der Eimer: Ein geschlossener Plastikkorb mit einem Loch unten. Vorteil: Sehr effektiv. Nachteil: Wenig Luftzirkulation, wird im Sommer heiß.
- Der Riemen-Korb (Greenguard): Sieht aus wie ein Gitter. Vorteil: Viel Luft, das Pony kann trinken und atmen. Nachteil: Schlaue Ponys (wie Coco) lernen, das Gitter zur Seite zu schieben.
Wir nutzen jetzt ein Modell mit weichem Leder am Nasenrücken gegen Scheuerstellen. Wichtig: Ein Pony mit Fressbremse darf nicht 24 Stunden damit rumlaufen! Sie brauchen Pausen zum Kauen (wichtig für die Zähne und die Psyche). Coco trägt ihn nur auf der Weide. Im Paddock bekommt sie Heu aus engmaschigen Netzen.
Anweiden ist kein Spaß, sondern Mathematik
Ich habe schon oft Eltern diskutieren hören: “Ach komm, lass sie doch noch 10 Minuten, sie hat so Hunger.” Nein. Der Pferdedarm ist ein Gewohnheitstier. Die Bakterien, die Heu verdauen, können kein frisches Gras verdauen. Sie sterben ab, setzen Gifte frei -> Hufrehe. Die Umstellung dauert 4 Wochen.
- Woche 1: 10-15 Min. (Ja, das lohnt sich kaum, das Halfter abzumachen).
- Woche 2: 20-30 Min.
- Woche 3: 45-60 Min.
- Danach: Langsam steigern.
Und ganz wichtig: Niemals auf leeren Magen! Wir füttern morgens erst eine große Portion grobes Heu. Ein sattes Pony schlingt nicht so gierig und der Magen ist schon “gepuffert”.
Wenn es doch passiert ist: Alarmzeichen erkennen
Letztes Jahr hatte Penelope, eine unserer Stuten, eine leichte Rehe. Ich mache mir heute noch Vorwürfe. Ich dachte, die Wiese ist schon abgefressen, da passiert nichts mehr. Falsch! (Kurzes, gestresstes Gras hat am meisten Zucker!).
Die Alarmzeichen:
- Klammer Gang: Das Pony läuft wie auf Eiern. Besonders auf Schotter.
- Wendeschmerz: Es will sich nicht eng drehen.
- Sägebock: Es streckt die Vorderbeine weit nach vorne und lehnt sich zurück (um die schmerzenden Zehen zu entlasten).
- Harter Kamm: Der Mähnenkamm (der Halsmuskel oben) fühlt sich nicht weich an, sondern hart wie ein Brett. Das ist ein Zeichen für akute Entzündung im Fettgewebe!
Wenn ihr das seht:
- Sofort runter vom Gras!
- In den weichen Sand/Sägespäne stellen.
- Hufe kühlen (Eiswasser).
- Tierarzt rufen. SOFORT.
Unser “Fat-Burner”-Programm
Diät allein reicht nicht. Der Stoffwechsel muss arbeiten. Wir haben für unsere “Moppel-Truppe” ein Sportprogramm:
- Flottes Gehen: Schritt reiten ist nett, verbrennt aber kaum Kalorien. Wir machen stramme Spaziergänge bergauf und bergab.
- Trab-Intervalle: An der Longe lassen wir sie kontrolliert traben (wenn sie keine akute Rehe haben!). Schwitzen ist erlaubt.
- Kopfarbeit: Stress macht auch dick (Cortisol). Ein gelangweiltes Pony frisst aus Frust. Wir machen Bodenarbeit, Zirkustricks, Wippen-Training. Das hält den Kopf fit und lenkt vom Hunger ab.
Elternfragen, die uns helfen
Ihr könnt uns unterstützen! “Darf ich dem Pony noch einen Apfel geben?” Bitte fragt bei den dicken Ponys immer. Ein Apfel hat viel Zucker. Eine Karotte ist besser. Ein Stück Sellerie ist super (mag aber kein Pony). Füttert bitte niemals Brot. Brot ist Stärke pur. Für ein Rehe-Pony ist ein trockenes Brötchen wie eine Insulinspritze.
“Ist das Pony traurig mit der Fressbremse?” Vielleicht am Anfang kurz irritiert. Aber Ponys sind pragmatisch. Sie merken schnell: “Mit dem Ding darf ich zu den Kumpels auf die Wiese. Ohne das Ding muss ich allein im Stall bleiben.” Sie wählen immer die Herde. Sozialkontakt ist ihnen wichtiger als unbegrenztes Fressen (auch wenn sie das nie zugeben würden).
Fazit: Liebe geht nicht durch den Magen. Zumindest nicht beim Pony. Liebe heißt manchmal: Nein sagen. Den Korb draufmachen. Und bei Regen mit dem Pony joggen gehen, statt es auf die Wiese zu stellen. Eure Ponys werden es euch danken – mit gesunden Hufen und einem langen Leben.


